03.05.2022

BAMF-Forschungszentrum: Wie hat sich die Lebenssituation von Geflüchteten im Pandemiejahr 2020 entwickelt?

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Kaum ein Lebensbereich blieb von der Corona-Pandemie unberührt. Die Kurzanalyse „Entwicklung der Deutschkenntnisse, Sorgen und Lebenszufriedenheit bei Geflüchteten während des ersten Covid-19-Pandemiejahres“ des Forschungszentrums des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) analysiert mittels Ergebnissen der 5. Welle der IAB-BAMF-SOEP-Befragung, wie sich Integrationsprozesse während der Pandemie verändert haben. Die Analyse zeigt: 2020 schätzte erstmals mehr als die Hälfte der Befragten ihre Deutschkenntnisse als „gut“ bis „sehr gut“ ein. Eine Zunahme „großer Sorgen“ blieb aus und die Lebenszufriedenheit nahm teilweise sogar zu.

Seit 2016 werden Geflüchtete, die zwischen 2013 und 2016 in Deutschland ankamen, mittels der IAB-BAMF-SOEP-Erhebung jährlich befragt und um ihre Selbsteinschätzung zu verschiedenen Lebensbereichen gebeten. Bislang standen hierbei das Ankommen und die ersten Schritte der Integration in Deutschland im Vordergrund. 2020/2021 hat sich der Fokus verschoben auf das Fortschreiten der Integrationsprozesse und die Frage, vor welche neuen Herausforderungen die Covid-19-Pandemie insbesondere die vulnerable Gruppe der Geflüchteten stellt.

„Es gibt zwar einige Einschränkungen in den Daten, dennoch entsteht insgesamt das Bild, dass Geflüchtete in Bezug auf ihre Deutschkenntnisse, ihre Sorgen in zentralen Lebensbereichen sowie ihre Lebenszufriedenheit relativ gut durch das erste Pandemiejahr gekommen sind“, meint Studienautorin Wenke Niehues, wissenschaftliche Mitarbeiterin im BAMF-Forschungszentrum (BAMF-FZ). „Zukünftige Befragungsdaten werden zeigen, ob dies auch im weiteren Pandemieverlauf so bleibt oder ob sich die Entwicklungen eventuell doch noch verschlechtert haben.“

Die Kurzanalyse 2|2022 ermöglicht anhand der erstmals vorliegenden Daten aus fünf aufeinanderfolgenden Erhebungswellen der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten Aussagen, wie sich der Spracherwerb, die Sorgen und die Lebenszufriedenheit von 2016 bis 2020 entwickelt haben. Anhand des Vergleichs der Daten aus der fünften Erhebungswelle mit Daten aus dem Vorjahr lassen sich Veränderungen während des ersten Pandemiejahres abbilden. Die Daten der fünften Erhebungswelle wurden zwischen August 2020 und Februar 2021 erhoben und fallen somit in die zweite Hälfte des ersten Covid-19-Pandemiejahres. Analog zum sehr dynamischen Pandemieverlauf erfolgte die Datenerhebung sowohl während einer Zeit der relativen Entspannung (August bis Oktober 2020) als auch während des „Lockdown light“ (November 2020 bis Februar 2021).

„Die Vermutung liegt nahe, dass die Covid-19-Pandemie und ihre vielfältigen Auswirkungen Geflüchtete besonders hart getroffen haben und eventuell noch weiter treffen. Kurz nach Ende des ersten „Lockdowns“ gingen vier von zehn Geflüchteten davon aus, dass sich durch die Pandemie ihre Deutschkenntnisse verschlechtern werden“, erklärt Wenke Niehues. „Da Sprachkenntnisse eine zentrale Voraussetzung für die Integration in weitere gesellschaftliche Bereiche sind, könnte eine Verschlechterung weitreichende Folgen für anschließende Integrationsprozesse haben.“

Mehrheitlich „gute“ bis „sehr gute“ Deutschkenntnisse in 2020
Bisher ließ sich aus den Daten herauslesen, dass Geflüchtete in den ersten Jahren nach ihrer Ankunft in Deutschland gezielt Integrations- oder auch andere Sprachkurse besucht haben und ihre Deutschkenntnisse im Schnitt von Jahr zu Jahr zunahmen. Mit längerem Aufenthalt flachte die Lernkurve ab 2018 jedoch ab. Dies führt dazu, dass der Zuwachs der Deutschkenntnisse das erste Mal von 2019 auf 2020 im Durchschnitt statistisch nicht mehr signifikant war. „Mit den Daten aus den zukünftigen Befragungen werden wir sehen, ob es sich um vorübergehende Pandemieeffekte handelt, oder um einen langfristig abflachenden Trend, der im Einklang mit allgemeinen Verläufen beim Erwerb einer Zweitsprache wäre“, sagt BAMF-Forscherin Wenke Niehues.

Und dennoch: 52 Prozent der 2020 und Anfang 2021 befragten Geflüchteten – und damit erstmals mehr als die Hälfte – schätzen ihre Deutschkenntnisse selbst als „gut“ bis „sehr gut“ ein. Unterschiede zwischen einzelnen Gruppen Geflüchteter lassen sich wie in den Jahren zuvor auch während der Pandemie beobachten: So gaben vor allem Frauen mit kleinen Kindern, niedriger Gebildete und ältere Geflüchtete vergleichsweise geringe Deutschkenntnisse an. „Erstmals wurde mit den Daten von 2020 zudem gezeigt, dass Befragte, die innerhalb von zwei Jahren nach ihrer Ankunft einen Integrationskurs abschließen, über bessere Deutschkenntnisse berichteten als solche, bei denen dies nicht der Fall war. Dies spricht für einen zügigen Integrationskursbeginn und -abschluss nach Ankunft in Deutschland“, meint Wenke Niehues.

Trotz Pandemie kaum Zunahme stark besorgter Geflüchteter
Wie haben sich die Sorgen um die eigene Situation der nach Deutschland gekommenen Geflüchteten verändert? Anders als erwartet, blieb eine Zunahme an insgesamt stark besorgten Geflüchteten während des ersten Pandemiejahres von 2019 auf 2020 unabhängig vom jeweiligen Aufenthaltsstatus aus. Eine Ausnahme gibt es allerdings: Unter Geflüchteten mit einer Duldung waren 2020 mehr Personen stark um ihre eigene Gesundheit besorgt, als dies noch 2019 der Fall war.

Der Vergleich der Daten der vergangenen fünf Jahre zeigt, dass die Zahl derjenigen, die sich große Sorgen um ihre Bleibemöglichkeiten, die eigene wirtschaftliche Lage sowie ihre eigene Gesundheit machen, seit 2017 unter den Befragten abnimmt, allerdings abhängig vom jeweiligen Schutzstatus. So sorgten sich kurze Zeit nach der Ankunft in Deutschland viele Geflüchtete trotz zuerkanntem Schutzstatus stark um ihre Bleibeperspektive in Deutschland, die eigene wirtschaftliche Situation sowie um die eigene Gesundheit. Mit längerer Aufenthaltsdauer wurden diese Sorgen geringer. Ein ähnlicher Trend ist bei Befragten mit offenem Verfahren zu finden. Lediglich bei Personen mit einer Duldung blieb der Anteil der stark Besorgten über die Jahre auf vergleichsweise hohem Niveau unverändert.

„Insgesamt vermitteln die Daten über die vergangenen fünf Jahre den Eindruck, dass große Sorgen unter anerkannten Geflüchteten weniger stark ausgeprägt sind als bei Geflüchteten mit einer Duldung oder bei Personen, deren Verfahren noch nicht abgeschlossen ist“, meint Wenke Niehues. „Während der Covid-19-Pandemie scheint sich der Trend der Abnahme von starken Sorgen bei Geflüchteten mit Schutzstatus und Geflüchteten mit offenem Verfahren allerdings verlangsamt zu haben.“

Durchschnittliche Lebenszufriedenheit nimmt zu
Eine unerwartete Entwicklung lässt sich in Bezug auf die Lebenszufriedenheit der befragten Geflüchteten feststellen: Während die durchschnittliche Lebenszufriedenheit von 2016 bis 2019 stabil blieb, nimmt sie von 2019 auf 2020 teilweise sogar zu. 2020 waren 27 Prozent der Befragten zufriedener, 56 Prozent ähnlich zufrieden und 17 Prozent der Befragten weniger zufrieden mit ihrem Leben.

„Aus der Forschung ist bekannt, dass die durchschnittliche Lebenszufriedenheit im Zeitverlauf relativ stabil bleibt. Während kritischer Ereignisse wie einer Pandemie kann sich dies aber ändern“, weiß BAMF-Forscherin Wenke Niehues. „Aufgrund hoher Ausgangsniveaus in der psychosozialen Belastung von Geflüchteten sind jedoch auch geringe Zuwächse oder die Ausbremsung von Verbesserungen des psychischen Wohlbefindens während der Pandemie mit Sorge zu betrachten, da sie eine zusätzliche Hürde für den weiteren Integrationsprozess darstellen können.“
Publikation: https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Forschung/Kurzanalysen/kurzanalyse2-20...

Ein Service des deutschen Präventionstages.
www.praeventionstag.de

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